Prognose der spontanen, idiopathischen Gesichtslähmung (Bell-Parese)

Die meisten spontanen Gesichtslähmungen verschwinden wieder von selbst. In 71% der Fälle verbleiben keine Folgeschäden, 84% der Patienten gewinnen eine annähernd normale Funktion zurück [1,2]. Die übrigen Patienten leiden oft jedoch erheblich unter dem Ausfall des Fazialisnerven. Die Minderfunktion beinhaltet häufig eine Schwäche der Gesichtsmuskulatur, Synkinesien (ungewollte Muskelbewegungen) oder Muskelspastiken. Auch Gesichtsschmerzen wurden beschrieben, deren Ursache noch nicht vollständig geklärt ist [3,4].

Die Schwere der Ausprägung der Gesichtslähmung bei Erstauftreten ist von entscheidender prognostischer Bedeutung. In einer aktuellen wissenschaftlichen Studie von Fujiwara et. al an einer großen Patientenserie wurde beschrieben, dass das Ausmaß der Funktionsausfälle eine Woche nach Erstauftretens als alleiniger Prognosefaktor zu sehen ist [5]. D.h. je gravierender sich die Symptomatik eine Woche nach Auftreten der Bell-Parese darstellt, desto ungünstiger ist die Prognose für den zu erwartenden Funktionsrückgewinn.

Dies wurde wiederum auch in den großen Referenzstudien von Peitersen et. al bestätigt [1, 2]. Tritt zu Beginn der Bell-Parese nur eine teilweise Lähmung auf, so zeigten in seiner Studie 94% der Patienten innerhalb von vier Monaten eine vollständige Rückbildung der Parese. Präsentierte sich jedoch von Anfang an eine vollständige Gesichtslähmung, dann zeigte sich im Verlauf nur in 61% der Fälle eine vollkommene Rückbildung der Symptome. 39% der Patienten hatten hingegen dauerhafte Funktionsausfälle zu beklagen.

Nach der Beobachtungsstudie bei unbehandelten Patienten kommt es in 85% der Fälle zu einer Rückbildung binnen 3 Wochen nach Symptombeginn und bei weiteren 10% zu einer partiellen Rückbildung nach 3–6 Monaten. In 71% der Fälle ist die Rückbildung vollständig, in 13% unvollständig, wenngleich dies den Patienten nicht wesentlich beeinträchtigend. In 16% ist die Reinnervation so unvollständig, dass Synkinesien, autonome Störungen (Krokodilstränen) und/oder Kontrakturen auftreten[1,6].

Prognose der nicht-idiopathischen Gesichtslähmung

(andere Ursachen)

In einer Nachfolgeuntersuchung kam es bei den nicht-idiopathischen Fazialisparesen zu einer vollständigen Rückbildung in 71%, zu dezenten residuellen Symptomen in 12%, zu leichten Funktionsstörungen in 13% und zu schweren residuellen Funktionsstörungen in 4% der Fälle (Peitersen, 2002). Die gute Prognose ist auch an den Daten der Placebogruppen in den beiden aktuellsten großen Therapiestudien erkennbar. Nach 3 und 9 Monaten zeigten 65% bzw. 85% der mit Placebo behandelten Patienten eine vollständige Remission in der von Sullivan (Sullivan et al., 2007) und nach 12 Monaten 65% der mit Placebo behandelten Patienten in der von Engström geleiteten Studie (Engström et al., 2008). Generell fand sich bei Patienten mit inkompletter Parese eine bessere Rückbildungstendenz (94%) (Ronthal, 2016). Fazialisparesen nach Zosterinfektion münden häufiger in einer Defektheilung. Borrelien-induzierte Fazialisparesen haben nahezu immer eine gute Prognose (Angerer et al., 1993).

Quelle:
[1] Peitersen E. The natural history of Bell’spalsy. Am J Otol 1982;4:107–11.
[2] Peitersen, E. Bell’s Palsy: The Spontaneous Course of 2,500 Peripheral Facial Nerve Palsies of Different Etiologies. Acta Otolaryngol 2002; Suppl 549: 4–30
[3] Holland NJ, Weiner GM. Recent developments in Bell’s palsy. Br Med J 2004;329:553–7.
[4] Morgenlander JC, Massey EW. Bell’s palsy. Ensuring the best possible outcome. Postgrad Med 1990;88:157–61, 164.
[5] Fujiwara T, Hato N, Gyo K, et al. Prognostic factors of Bell’s palsy: prospective patient collected observational study. Eur Arch Otorhinolaryngol (2014) 271:1891–1895
[6] S2-Leitlinie "Therapie der idopathischen Gesichtlähmung (Bell's Palsy)" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) März 2017: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-013.html
[7] Boahene K, Facial reanimation after acoustic neuroma resection: options and timing of intervention. Facial Plast Surg. 2015 Apr;31(2):103-9