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Die Epidemiologie (von griech. "epidēmíā nósos" "über das ganze Volk verbreitete Krankheit", lógos "Lehre") beschäftigt sich mit der Verbreitung sowie den Ursachen und Folgen von Krankheiten in der Bevölkerung. Die Ätiologie hingegegen mit den Ursachen für das Entstehen einer Erkrankung.

Epidemiologie und Ätiologie

Die Prävalenz (Häufigkeit einer Krankheit oder eines Symptoms in einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt) von Lähmungen des N. facialis wurde in multiplen Studien untersucht und schwankt zwischen 17 und 35 Fälle auf 100000 Einwohner für alle Formen der Parese [1–5]. Untersuchungen aus Großbritannien und Kanada zeigten eine Inzidenz (Häufigkeit von Neuerkrankungen in einem bestimmten Zeitraum) von 13,1 bis 20,2/ 100000 [6,7] für eine idiopathische Gesichtlähmung (Bell-Parese) Eine Studie aus dem Jahr 1975 beschreibt die Inzidenz einer Bell´schen Parese in der Schwangerschaft mit 45/ 100000 im Vergleich zu 17/ 100000 bei Nicht-Schwangeren. Bislang konnte keine signifikante Prädilektion bzgl. Herkunft, Geschlecht oder Ethnizität festgestellt werden [1,19]. Diverse Studien [1,2,8-10] konnten zeigen, dass im Alter zwischen 15 und 45 Jahren das Risiko an einer Fazialisparese nach Bell zu erkranken am höchsten ist.

Bell-Lähmung

Die Bell-Parese, benannt nach dem schottischen Chirurgen Sir Charles Bell (1774–1842), ist die häufigste idiopathische (ohne bekannte Ursache) Fazialisparese. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen, wobei das Risiko während der Schwangerschaft möglicherweise erhöht ist. Der genaue Schädigungsmechanismus ist nicht hinreichend erforscht. Es wird angenommen, dass eine Entzündung (wahrscheinlich viral) zum Anschwellen des Nerven im Bereich des Durchtritts durch den Schädelknochen (Canalis facialis) führt. Die Nervenfasern werden hierbei durch die Kompression und eine resultierende Minderdurchblutung geschädigt (siehe Pathophysiologie) (11). Als Auslöser der Entzündung werden autoimmun (körpereigene) Reaktionen oder  die Reaktivierung einer Herpes-simplex-Virus-Infektion (HSV Typ 1) vermutet.

Bei einer akuten (frisch aufgetretenen) Bell-Parese ist eine Therapie mit Glukokortikoiden zu empfehlen. Mögliche Schemata sind: 10 Tage 2x25 mg Prednisolon[12] oder  5 Tage 60 mg Prednisolon[13]. Eine Kombination mit Virustatika ist, außer bei sehr schweren Formen, nicht zu empfehlen[14]

In den letzten Jahren wurden zwei große Studien publiziert, die sich mit der Ätiologie von Fazialisparesen beschäftigt haben:

Für seine Veröffentlichung aus dem Jahr 2002 untersuchte Erik Peitersen [1] 2570 Fälle von peripheren Fazialisparesen in einem Zeitraum von 25 Jahren.

Marc Hohman et al. [11] verwendeten für ihre Publikation aus dem Jahr 2014 einen Datensatz von 1989 Patienten über zehn Jahre.

Diese Studien müssen natürlich unter dem kritischen Aspekt betrachtet werden, dass der verwendete Datensatz nicht zwingend einen repräsentativen Ausschnitt aus der Gesamtbevölkerung widerspiegelt. Der Patientenstamm, der diesen klinischen Untersuchungen zugrunde liegt, wird maßgeblich durch die Lage und Spezialisierungsrichtung der jeweiligen Kliniken und Zentren beeinflusst.

Nichtsdestotrotz zeigen die Studien von Peitersen und Hohman et al., dass die idiopathische (ohne bekannte Ursache bzw. kein wissenschaftlich belegter Pathomechanismus bekannt) Fazialislähmung nach Bell den größten Anteil an Fazialisparesen darstellt (Peitersen: 66,19% und Hohman: 38,26%). Des Weiteren spielen kongenitale (angeborene) Paresen, Traumata, Infektionen sowie Tumorerkrankungen eine bedeutende Rolle.


Quellen:
[1] Peitersen E. Bell's palsy: the spontaneous course of 2,500 peripheral facial nerve palsies of different etiologies. Acta Otolaryngol Suppl. 2002(549):4–30. PubMed PMID: 12482166.
[2] Devriese PP, Schumacher T, Scheide A, Jongh RH de, Houtkooper JM. Incidence, prognosis and recovery of Bell's palsy. A survey of about 1000 patients (1974-1983). Clin Otolaryngol Allied Sci. 1990;15(1):15–27. PubMed PMID: 2323075.
[3] Furuta Y, Ohtani F, Sawa H, Fukuda S, Inuyama Y. Quantitation of varicella-zoster virus DNA in patients with Ramsay Hunt syndrome and zoster sine herpete. J Clin Microbiol. 2001;39(8):2856–9. doi: 10.1128/JCM.39.8.2856-2859.2001. PubMed PMID: 11474003.
[4] Hauser WA, Karnes WE, Annis J, Kurland LT. Incidence and prognosis of Bell's palsy in the population of Rochester, Minnesota. Mayo Clin Proc. 1971;46(4):258–64. PubMed PMID: 5573820.
[5] Katusic SK, Beard CM, Wiederholt WC, Bergstralh EJ, Kurland LT. Incidence, clinical features, and prognosis in Bell's palsy, Rochester, Minnesota, 1968-1982. Ann Neurol. 1986;20(5):622–7. doi: 10.1002/ana.410200511. PubMed PMID: 3789675.
[6] Morris AM, Deeks SL, Hill MD, Midroni G, Goldstein WC, Mazzulli T, et al. Annualized incidence and spectrum of illness from an outbreak investigation of Bell's palsy. Neuroepidemiology. 2002;21(5):255–61. PubMed PMID: 12207155.
[7] Rowlands S, Hooper R, Hughes R, Burney P. The epidemiology and treatment of Bell's palsy in the UK. Eur J Neurol. 2002;9(1):63–7. PubMed PMID: 11784378.
[8] May M, Hardin WB, Sullivan J, Wette R. Natural history of bell's palsy: the salivary flow test and other prognostic indicators. Laryngoscope. 1976;86(5):704–12. doi: 10.1288/00005537-197605000-00011. PubMed PMID: 778512.
[9] Park HW, Watkins AL. Facial paralysis; analysis of 500 cases. Arch Phys Med Rehabil. 1949;30(12):749–62. PubMed PMID: 15399425.
[10] Prescott CA. Idiopathic facial nerve palsy (the effect of treatment with steroids). J Laryngol Otol. 1988;102(5):403–7. PubMed PMID: 3397632.
[11] Graeme E Glass, Bell’s palsy: a summary of current evidence and referral algorithm, Family Practice, 2014, Vol. 31, No. 6, 631–642
[12] Sullivan FM, Swan IR, Donnan PT, Morrison JM, Smith BH, McKinstry B, Davenport RJ, Vale LD, Clarkson JE, Hammersley V, Hayavi S, McAteer A, Stewart K, Daly F. Early treatment with prednisolone or acyclovir in Bell's palsy. N Engl J Med 2007;357:1598-1607.
[13] Engström M, Berg T, Stjernquist-Desatnik A, Axelsson S, Pitkäranta A, Hultcrantz M, Kanerva M, Hanner P, Jonsson L. Prednisolone and valaciclovir in Bell's palsy: a randomised, double-blind, placebo-controlled, multicentre trial. Lancet Neurol 2008;7:993-1000.
[14] Gagyor I, Madhok VB, Daly F, Somasundara D, Sullivan M, Gammie F, Sullivan F. Antiviral treatment for Bell ́s palsy (idiopathic facial paralysis). Cochrane Database of Systematic Reviews 2015;5:CD001869.