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Um Lokalisation und Ausmaß einer Fazialisparese zu diagnostizieren, bedarf es einer ausführlichen Anamnese, klinischer Untersuchungen sowie ggf. einer apparativen Diagnostik. Hierzu gehört eine Patientenbefragung über den Beginn, Verlauf und Dauer der Symptome sowie Allgemeinerkrankungen (z.B. viraler Infekt, Diabetes mellitus, Tumorleiden, Zeckenbiss) oder Schwangerschaft. Eine Labordiagnostik (z.B. Differenzialblutbild, Serologie) und Topodiagnostik (z.B. Schirmer-Test, Stapedius-Reflex, Gustometrie, Sialometrie) sowie evtl. eine Elektrodiagnostik (z.B. Nerverregbarkeitstest, Elektroneurographie, Elektromyographie, Magnetstimulation) sollten durchgeführt werden. Eine CT- oder MRT-Dünnschichtbildgebung und hochauflösender Ultraschall komplettieren neben einer klinischen Funktionsprüfung die Diagnostik [1–5]. Diese Untersuchungen sollten von einem Facharzt der Neurologie vorgenommen werden.

Um die Schwere und die Prognose der Nervschädigung bei Patienten mit peripherer Fazialisparese einschätzen zu können, gibt es eine Vielzahl elektrophysiologischer Untersuchungsmethoden (z. B. Elektroneurographie, Elek- tromyographie oder Nerverregbarkeitstest). Keines dieser Verfahren ist jedoch vollkommen, und häufig sind mehrere Untersuchungsmethoden notwendig [1].

Elektrophysiologische Diagnostik

Die Unterscheidung zwischen zentraler und peripherer Fazialisparese erfolgt klinisch durch die Beurteilung der Stirnmuskulatur (Stirnrunzeln möglich?). Ist diese Funktion intakt und sind die mittleren sowie unteren Gesichtspartien betroffen, so spricht dies für eine zentrale (supranukleäre) Läsion, da die Stirnmuskulatur über Nervenfasern aus beiden Hemisphären versorgt wird und daher bei zentralen Läsionen ihre Funktion aufrechterhält (Patel and Levin, 2015). Bei Unklarheit über eine periphere oder zentrale Genese der Fazialisparese ist neurophysiologisch in der Frühphase (1.–3. Tag) der Erkrankung die kanalikuläre Magnetstimulation hilfreich, da durch den Nachweis der kanalikulären Untererregbarkeit die periphere extrazerebrale Genese belegt wird. Bei der idiopathischen Fazialisparese ist diese kanalikuläre Untererregbarkeit praktisch immer ab dem 1. Erkrankungstag feststellbar. Die Methode trägt aber nicht zur Differenzierung idiopathisch versus nicht-idiopathisch bei. Auch die Blinkreflexuntersuchung (Stimulation des R. supraorbitalis) stellt eine Möglichkeit zur Differenzierung zwischen peripherer oder zentraler Genese einer Fazialisläsion dar und liefert Informationen über das Ausmaß des axonalen Leitungsblocks (Valls-Solé, 2007).

Zur Beurteilung der Prognose können die Elektroneurographie (ENG) und die Elektromyographie (EMG) herangezogen werden, wobei Ableitungen vom Mundwinkel aussagekräftiger erscheinen als vom Augenwinkel (Kim et al., 2016a). Finden sich bei kompletter Fazialisparese im EMG einige Potentiale nach willkürlicher Innervation, so darf die Kontinuität des Nervs angenommen werden, und eine Erholung ist wahrscheinlicher. Von günstiger prognostischer Bedeutung ist auch der Nachweis von Reinnervationspotentialen bei EMG-Verlaufsuntersuchungen. Umgekehrt muss der Nachweis von pathologischer Spontanaktivität im EMG als Ausdruck einer degenerativen Schädigung und damit als prognostisch ungünstiges Zeichen gewertet werden: Er geht mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für eine Defektheilung einher.

Die Ableitung des Muskelsummenpotentials (MSAP) nach transkutaner supramaximaler elektrischer Stimulation des N. facialis nahe der Glandula parotis dient ebenfalls der prognostischen Beurteilung. Etwa 10 Tage nach Symptombeginn zeigt es im Seitenvergleich das Ausmaß des axonalen Schadens (Valls-Solé, 2007). Eine hochgradige Minderung (mehr als 80–90%) der MSAP-Amplitude lässt keine günstige Prognose annehmen (Mamoli, 1976).


Quellen:
[1] Facharztwissen HNO-Heilkunde, Differenzierte Diagnostik und Therapie, Reiß (Hrsg.), 2009, XXVII, 1172 S., Hardcover, ISBN: 978-3-540-894407
[2] Esslen E. The acute facial palsies: Investigations on the localization and pathogenesis of meato-labyrinthine facial palsies. Schriftenreihe Neurologie, Vol 18. Berlin: Springer; 1977. 163 p.
[3] Seiler CF, Eitschberger E. Automatic recording and evaluation of neuronography. Arch Otorhinolaryngol. 1976;212(2):127–31. PubMed PMID: 989719.
[4] Stöhr M, Pfister R. Klinische Elektromyographie und Neurographie: Lehrbuch und Atlas. 5th ed. Stuttgart: Kohlhammer; 2005. 400 p. ger.
[5] May M, Schaitkin BM. The facial nerve. 2nd ed. New York, NY: Thieme; 2000. 877 p.
S2-Leitlinie "Therapie der idopathischen Gesichtlähmung (Bell's Palsy)" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) März 2017: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-013.html