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Die logopädische Behandlung der Gesichtslähmung (Fazialisparese)

Die Logopädie ("Sprecherziehung") ist eine medizinische Fachdisziplin, die sich mit Sprach-, Sprech-, Stimm-, Schluck- oder Hörbeeinträchtigungen von Patienten auseinandersetzt und diese behandelt. Die Behandlung von Fazialisparesen hat für die Logopädie Relevanz in mehrfacher Hinsicht.

I. Mögliche Folgen einer Fazialisparese aus logopädischer Sicht

  • Fehlende Aktivierung der einseitigen mimischen Muskulatur (z.B. hängender Mundwinkel, fehlendes Stirnrunzeln, fehlender Lippenschluss). Aus der Sicht des Patienten offenbart jegliche mimische Bewegung das einseitige Handicap (beispielsweise bereits das Lächeln).
  • Beeinträchtigung der präzisen Artikulation: je nach Schwere der Lähmung des Mundwinkels und der Lippen kann die Artikulation besonders undeutlich und schwer verständlich sein, insbesondere am Telefon.
  • Schluckstörungen: können Mahlzeiten aufgrund einer herabgesetzten Sensibilität, einem Taubheitsgefühl in Lippen, Zunge, Wangen und Gaumen und einer Fehlfunktion im Transport von Nahrung nicht verarbeitet werden, stellt sich nicht selten eine Schluckstörung unterschiedlichen Schweregrades ein.
  • Speichel- und Flüssigkeitsaustritt: aufgrund des häufig einseitig hängenden Mundwinkels kann der Austritt von Speichel oder Flüssigkeit beim Trinken nicht adäquat kontrolliert werden.
  • Geschmacksbeeinträchtigungen

II. Die logopädische Diagnostik

Anhand verschiedener Einteilungsscores, wie dem "Sunnybrook Facial Grading System" kann die Schwere der Beeinträchtigung der mimischen Muskulatur durch die Fazialisparese klassifiziert werden. Genaue Beobachtungen verschiedener mimischer Bewegungen sollen Aufschluss über die Abweichung der betroffenen Gesichtshälfte im Vergleich zur gesunden Seite geben. Daneben soll anhand der Beobachtungsskalen bewertet werden, wie hoch der Grad der Mitbewegungen weiterer mimischer Muskeln ist. Dieses Vorgehen hilft dabei, das Ausmaß der fazialen Einschränkungen einzuschätzen und im Verlauf der Therapie Fortschritte klarer herausstellen zu können.

III. Die logopädische Zielsetzung

Die logopädische Zielsetzung besteht – je nach Ausprägung und Folgeschwierigkeiten für den Patienten – darin, wenn möglich den Nerv zu reaktivieren und damit die Normalisierung der mimischen Muskulatur zu unterstützen, um so das Schlucken und Sprechen des Patienten wieder zu verbessern.  Die gezielte Ansteuerung des Nervs anhand eines spezifischen Übungsprogramms soll einer langfristigen Atrophie der Muskulatur vorbeugen. Regelmäßige Therapieeinheiten (insbesondere in der Akutphase) und Ausdauer des Patienten in der häuslichen Umsetzung der Übungen stellen hierbei die Grundlagen des Erfolges dar!

IV. Maßnahmen in der logopädischen Übungsbehandlung

Folgende Maßnahmen können im Rahmen einer logopädischen Therapie ergriffen werden:

PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation) nach Kabath: Methode (1945-1951 in den USA entwickelt) zur Erleichterung des Zusammenspiels von Muskeln und Nerven durch adäquate Stimulation der Rezeptoren der Tiefensensibilität (Propriozeptoren). In Hinblick auf die Fazialisparese werden bei der Behandlung der Gesichtsmuskulatur insbesondere die Hautrezeptoren stimuliert.

Orofaziale Regulationstherapie nach Castillo Morales

Nerven- und Muskelstimulation anhand ausgewählter Hilfsmittel (Schallwellenmassagegerät, Kältestimulation u.a.)

Taping mit dem elastischen Tape

Mundmotorische und mimische Muskelaktivierung anhand des Fazialisprogramms

V. Ausblick

In einer 2013 erhobenen Studie von Nicastri et. al. konnte der Nutzen einer FRÜHEN Übungsbehandlung (im Akutstadium) herausgestellt werden: sie ergab einen signifikant positiven Effekt auf Schweregrad und Dauer der Rückbildung der Parese. [1]

Nicht zu unterschätzen ist jedoch auch die Wirkung der Übungsbehandlung bei einer Wiederaufnahme derselben im bereits chronischen Zustand einer Fazialisparese: Pereira et. al. konnten in einer Studie 2011 einen signifikanten Nutzen durch die Übungsbehandlung für die Patienten herausstellen. [2]


Quellen:
[1] Allerdings können in einer 2013 veröffentlichten Untersuchung weitere Hinweise auf den Nutzen einer frühen Physiotherapie bei schwerer Fazialisparese gesehen werden: sie ergab einen signifikanten positiven Effekt auf Schweregrad und Dauer der Rückbildung. In dieser Studie war aber die Fallzahl mit insgesamt 87 Patienten gering (Nicastri et al., 2013). (aus: https://www.dgn.org/leitlinien/3432-030-013-therapie-der-idiopathischen-fazialisparese-bell-s-palsy-2017)
[2] In der Metaanalyse zur Therapie der chronischen Fazialisparese (länger als 9 Monate bestehend) mit Übungsbehandlung konnte nur eine Studie (n=50) ausgewertet werden. Für diese Patientengruppe zeigte sich ein signifikanter Nutzen (Pereira et al., 2011). (aus: https://www.dgn.org/leitlinien/3432-030-013-therapie-der-idiopathischen-fazialisparese-bell-s-palsy-2017)