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Betroffene Patienten leiden sehr an der Minderfunktion bzw. dem Komplettausfall des Fazialisnerven, was funktionell und ästhetisch schwere Beeinträchtigungen zur Folge hat. Der Gesichtsnerv hat als Alleinstellungsmerkmal die besondere Fähigkeit, als einziger Nerv eine "emotionale Antwort" des Einzelnen auf seine Umwelt zu ermöglichen. Das Lächeln und Lachen erfüllen neben vielen anderen Ausdrucksformen der Gesichtsmimik eine entscheidende Rolle in der sozialen Interaktion.

Ist die Nervenfunktion gestört oder nicht mehr intakt, resultiert eine oft entstellende "Fazialisparese". Es kommt zu einer unkontrollierten "Entgleisung der Gesichtszüge". Auf der psychosozialen Ebene können durch sie massive Schwierigkeiten in der Kommunikation bedingt sein. Betroffene Patienten zeigen aufgrund der stigmatisierenden Asymmetrie leider häufig eine Minderung des Selbstwertgefühls und eine bewusste Zurückhaltung von Emotionen gegenüber der Umwelt. Dieses Phänomen ist zu beobachten, weil es durch bewusst gesteuerte Mimik zu einer Verstärkung der Asymmetrie kommt. Häufig ist auch ein konkretes Vermeidungsverhalten der Patienten in der Gesellschaft zu beobachten, mit Konzentration der sozialen Aktivitäten auf Familie und engen Freundeskreis. Dies muss natürlich nicht für jeden Einzelnen gelten, trotzdem treten diese Verhaltensmuster nicht selten auf.

Eine Untersuchung von Aaron Kosins et al. an der Facial Palsy Clinic in Edinburgh, Schottland, ergab in einem Kollektiv von 22954 Patienten mit Fazialisparese bei über 50% ein beträchtliches Niveau an psychischem Stress sowie konkrete Rückzugstendenzen aus der Gesellschaft als Konsequenz der stigmatisierenden Symptome [1]. Personen mit Fazialisparese haben eine 65% Prävalenz für Depressionen, das ist das fünffache der nicht selektierten Bevölkerung [2]. Der Umgang mit sozialen Kontakten und mit Reaktionen des Umfeldes gestaltet sich besonders schwierig für die Patienten [3].

Zu Beginn erscheinen Verdrängungsmechanismen als ausreichend, im Verlauf wird dem Patienten jedoch so viel mentale als auch physische Energie zum Meistern des täglichen Lebens, der Auseinandersetzung mit der Erkrankung und andern Menschen abverlangt, so dass es zu psychologischen und physiologischen Ermüdungserscheinungen kommt. Die Kompensation derer ist nicht mehr möglich und das psychisches Leid manifestiert sich klinisch zunehmend [3]. Huang et al. (2012) konnten einen eindeutigen Zusammenhang zwischen psychischer Belastung und der Schwere einer

Gesichtslähmung herstellen [4]. Durch eine Gesichtslähmung stigmatisierte Patienten ziehen sich häufig in sich selbst zurück, was auf der anderen Seite wieder auf Ablehnung stoßen kann. Sie schränken neben der gestörten nonverbalen auch die verbale Kommunikation ein. Jegliche Mimik, die das Stigma noch betonen könnte, wird durch die Patienten vermieden, nicht wenige wenden sich sogar vom Gesprächspartner ab oder versuchen die gestörten Anteile des Gesichts hinter der vorgehaltenen Hand zu verstecken [5].

Bedauerlicherweise entsteht beim Gegenüber hierdurch häufig in der Folge ein falsches Bild der Persönlichkeit, da die eingeschränkte Mimik als Gefühlskälte, Desinteresse oder Passivität fehlgedeutet wird [5,6]. Auch Dobel et al. (2013) beschrieben bei gesichtsgelähmten Patienten Störungen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Die Patienten klagten hauptsächlich, dass beim Anblick ihres Gesichts bei Mitmenschen negative Gefühle hervorgerufen würden und ihr innerer Gefühlszustand nicht mehr adäquat interpretiert werden könne. Dies wiederum ruft bei manchen Patienten Stress, Angstzustände oder Depressionen hervor [7]. Für die Betroffenen erscheint es wesentlich belastender auf Fremde zu treffen als auf die eigene Familie oder Freunde [6].

Den größten Einfluss auf die Gefühlswelt der Patienten hat, soll die Dysfunktion im Bereich der Mundregion besitzen. NEELY und NEUFELD‘s (1996) Patienten empfanden im Bereich des Mundes die Gesichtslähmung schlimmer als die Synkinesie, während im Bereich des Augekomplexes Synkinesien als die quälendere Einschränkung erlebt wurde [6]. Während zu Beginn der Funktionseinschränkung das Auge als die am meisten Sorge bereitende Region angegeben wird, ist später die Mundregion dominant, der größte Wunsch der Patienten ist ein schönes, "normales" Lächeln [8]. Durch die Einschränkung des Lächelns erlebt der Patient zum einen weniger positive Reaktionen, zum anderen gibt es die Theorie und wenige empirische Ergebnisse, dass die Aktivierung des Musculus zygomaticus major und peripheres Feedback vom Lächeln zu positiven Emotionen beitragen [2].

Faziale neuromotorische Störungen zeigen bei Patienten in der Gruppe mit Depressionen keine größere generelle Beeinträchtigung der Gesichtsbewegungen, jedoch eine größere Beeinträchtigung des Lächelns verglichen mit dem nicht depressiven Teil der Patienten [2]. PENSAK et al. (1986, ref. in 5) postulieren, dass die Patienten durch die psychologischen Einschränkungen stärker als durch die körperlichen Symptome beeinflusst werden. Dies Bestätigen VAN SWEARINGEN et al. (1998) die beschrieben, dass die physischen, sozialen und emotionalen Schwierigkeiten auf der Personenebene stärker mit Ängsten und Depressionen korrelierten, als physische und anatomische Probleme auf der Organ- bzw. Gewebeebene. Bei der Entwicklung sozialer Probleme auf der Basis einer neuromuskulären Störung nach einer Facialisparese wird den psychologischen Aspekten zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt [3].

Eine Patientin aus unserem Kollektiv beschrieb für uns ihre Gefühlswelt im Zusammenhang ihrer Gesichtslähmung besonders plastisch:

"Im jungen Alter von 36 Jahren, war ich, wie von einem Blitz aus heiterem Himmel getroffen, plötzlich um 40 Jahre gealtert, sah aus und fühlte mich wie ein bedauernswerter Schlaganfallpatient! Niemand konnte mir recht helfen. Dies stürzte mich in eine tiefe Krise und Depression mit der ich Jahre zu kämpfen hatte..."

Die ausführliche Beschreibung und wie die Geschichte für die Dame doch noch positiv zu Ende ging lesen Sie hier.

Bei jungen Patienten ist die Ruhesymmetrie häufig sehr gut erhalten. Die fehlende Mimik der gelähmten Seite wird typischerweise durch ein generelles Unterlassen von Gesichtsausdrücken kaschiert. So auch bei diesem 23-jährigen Patienten. Bei Aufforderung ein volles, breites Lachen zu demonstrieren, gibt er lediglich ein angedeutetes, kaum wahrnehmbares Lächeln preis. Gerade so viel Bewegung, wie es ihm gelähmte Seite ermöglicht. Er hat einen intensiveren Gesichtsausdruck durch seine Parese quasi „verlernt“. Die bewusst eingeschränkten Mimik kann von der Umwelt leicht fehlgedeutet werden.


Quellen:
[1] Kosins AM, Hurvitz KA, Evans GR, Wirth GA. Facial paralysis for the plastic surgeon. Can J Plast Surg. 2007;15(2):77–82. PubMed PMID: 19554190.
[2] Van Swearingen JM, Cohn JF, Bajaj-Luthra A (1999) Specific Impairment of Smiling Increases the Severity of Depressive Symptoms in Patients with Faicial Neuromuscular Disorders. Aesth Plast Surg 23: 416-423
[3] Van Swearingen JM, Cohn JF, Turnbull J, Mrzai T, Johnson P (1998) Psychological distress: Linking impairment with disability in facial neuromotor disorders. Otolaryngol Head Neck Surg 118: 790-796
[4] Huang B1, Xu S, Xiong J, Huang G, Zhang M, Wang W. Psychological factors are closely associated with the Bell's palsy: a case-control study. J Huazhong Univ Sci Technolog Med Sci. 2012 Apr;32(2):272-9
[5] Kiese-Himmel C, Laskawi R, Wrede S (1993) Psychosoziale Probleme und Krankheitsverarbeitung von Patienten mit Defektheilung nach Fazialisparese. 41: 261-267
[6] Neely JG, Neufeld PS (1996) Defining Functional Limitation, Disability, and Societal Limitations in Patients with Facial Paresis: Initial Pilot Questionnaire. Am J Otol 17: 340-342
[7] Emotional Impact of Facial Palsy - C. Dobel et. al, Laryngo-Rhino-Otol 2013; 92: 9–23
[8] Fehlregenerationen des Nervus facialis – ein vernachlässigtes Krankheitsbild – Wolowski A, Inaugural-dissertation 2005,  Universitätsklinikum Münster